Jamel ist ein Ortsteil der Gemeinde Gägelow und liegt im Landkreis Nordwestmecklenburg. Hier wohnt das Ehepaar Lohmeyer und veranstaltet Jahr für Jahr das Jamel rockt den Förster Festival in ihrem Garten. Hier haben alle großen deutschen Künstler schon gespielt: Die Ärzte, Die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer und viele mehr.
Jamel? Was hat es damit auf sich?
Viel gibt es in der Gegend nicht, Bäume, Felder, Kühe und einen beachtlichen Prozentsatz an Nazis. Das ist auch der Grund für dieses Festival und dafür, dass die allergrößten und beliebtesten Künstler Deutschlands dort schon aufgetreten sind, obwohl die Besucherzahl im niedrigen einstelligen Tausenderbereich liegt.
Jamel ist ein Dorf, das aufgegeben wurde. Mit Ausnahme der Lohmeyers wohnen hier ausschließlich Nazis. Auf einem Haus weht die Reichskriegsflagge und ein Wegweiser zeigt unter anderem nach Braunau am Inn, dem Geburtsort Adolf Hitlers. Das selbsternannte Dorfoberhaupt Sven Krüger saß mehrfach im Gefängnis und wurde trotz oder gerade deswegen in den Gemeinderat Gägelow gewählt.

Alte „normale“ Bewohner sowie neu zugezogene wurde systematisch weggemobbt. Auch die Lohmeyers müssen regelmäßig Hakenkreuzschmierereien ertragen (so auch unmittelbar vor dem diesjährigen Festival), zudem auch schon Brandstiftungen. Sie bleiben dennoch weiter standhaft und wohnen nächstes Jahr seit 20 Jahren in diesem schrecklichen Dorf.
Das Festival Jamel rockt den Förster fand zum 16. Mal statt. Da dort oft sehr große Acts bei kleinem Publikum auftauchen, um ihre Solidarität zu zeigen, wird seit einigen Jahren das Line-Up geheim gehalten. Dadurch möchte man erreichen, dass die Gäste primär für die Sache und nicht für die Bands kommen. Jede Band wird von einer mehr oder weniger bekannten Persönlichkeit (vom Band) angesagt und alle hören gespannt zu, wer dort hinter dem Vorhang wartet, um spielen zu dürfen.
Freitag: Anreise
Die Campingplätze öffneten am Freitag um 13 Uhr, die Veranstalter hatten gebeten von einer früheren Anreise abzusehen. Wir kamen um kurz nach 13 Uhr an und stellten fest, dass es schon ganz schön voll war. Die Campingplätze waren auf einem Feld und teilweise am Hang, man wurde von Ordnern eingewiesen und konnte sich den Platz nicht aussuchen. Camping fand am Auto statt, was sich insbesondere bei dem Wetter als praktisch erwies.
Wir hatten Glück mit unserem Platz, wir waren nah bei den Toiletten, aber weit genug weg, um sie nicht zu riechen. Des Weiteren waren wir zwar am Hang, aber weit genug oben, wo es wieder flacher wurde. So konnten wir gut schlafen, ohne runterzurutschen und am Sonntag ohne Probleme mit der nassen Wiese abreisen.

Das Gelände öffnete um 15 Uhr, man durfte nicht durch das Dorf in Richtung Gelände gehen, sondern musste am Wald entlang über einen schön bewachsenen Weg. Vor dem Gelände konnte man einen Blick in das Dorf erhaschen. Das war bedrückend, auf der anderen Straßenseite die wehende Reichskriegsflagge, darunter ein paar verdammt unangenehm aussehende Typen. Dazwischen Ordner und Polizisten, die den Parkplatz bewachten und uns baten, nicht ins Dorf zu gehen.
Das hatte zwei Gründe, einerseits wollte man Provokationen und Konfrontationen vermeiden, andererseits machten die Dorfbewohner Fotos von allen, die nahe genug kamen. In irgendeiner Nazi-Feind-Kartei zu landen, sollte man nach Möglichkeit vermeiden. Dieses Festival ist das einzige, auf dem ich bisher Polizisten mit Hunden gesehen hab.
Freitag: Programm vollgepackt mit großen Nummern
Nach einer kurzen Begrüßung durch die Veranstalter und einer kurzen Wasserstandsmeldung zum Thema Rechtsextremismus in der Gegend gab es die erste Bandankündigung durch den Sänger von Knorkator. Der erste Künstler des Abends war Sebastian Krumbiegel, der Sänger der Prinzen. Er spielte allein am Klavier ein paar eigene Lieder, größtenteils politisch mit satirisch-humorvollen Zeilen.
Er spielte auch zwei Cover zum einen: „Das Leben“ von Udo Lindenberg und zum anderen: „Junimond“ von Rio Reiser. Insgesamt ein guter Einstieg, um sowohl thematisch als auch musikalisch in den Abend zu starten. Bekannt ist der Song „Die Demokratie ist weiblich“, im Musikvideo machen diverse bekannte deutsche Frauen mit.

Der nächste Act wurde von König Boris von Fettes Brot angesagt und hieß NinaMarie, der Name wird vermutlich wenigen etwas sagen. Allerdings sind Teile der Band bekannt, es spielen nämlich Marten von Turbostaat und Thomas von den Beatsteaks in dieser Band. Genauso hört sie sich musikalisch auch an, wie eine Mischung aus Turbostaat und den Beatsteaks. Man überzeuge sich einfach selbst mit ihrem Song „Kalenderspruch“.

In der folgenden Umbaupause war Manuela Schwesig zu Gast, als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern ist sie Schirmherrin des Festivals.
Es folgte Juli, bei der Ansage war das Gekreische im Publikum groß. Nach 9 Jahren sind sie 2023 erstmals wieder mit Album und Tour unterwegs gewesen. Die neuen Sachen kannte kaum jemand, aber „Geile Zeit“, „Elektrisches Gefühl“ und natürlich „Perfekte Welle“ konnte jeder mitsingen. Kaum einer, mich eingeschlossen, wird mit Juli gerechnet haben. Ich wäre auch niemals zu einem Konzert gegangen, aber so hatte ich ziemlich viel Spaß mit der Band.
Zudem ist es schön deutschlandweit bekannte und zumeist unpolitische Pop-Künstler bei diesem Festival zu sehen. Bands die politische Musik machen und sich auch immer wieder gegen Nazis einsetzen erwartet man dort, die sind gewissermaßen keine größere Überraschung. Umso wichtiger, dass Bands, die sonst unpolitisch sind, ein Zeichen setzen und dorthin kommen.

Als nächstes fiel der Vorhang für Bosse, ein Künstler der mit „Schönste Zeit“, „Der letzte Tanz“ und „Augen zu Musik an“ bereits einige Songs sehr weit oben in die Charts bringen konnte. Er spielt bei großen Festivals wie dem Hurricane in den Abendstunden kurz vor den Headlinern und an diesem Tag war er in Jamel. Der Mann macht Popmusik für jeden und vor allem hat er eine ganz gehörige Portion Spaß dabei. Man merkt in seinem gesamten Auftreten, warum er manchmal auch mit Thees Uhlmann zusammen auftritt, die beiden sind in ihrer Bühnenpräsenz sehr ähnlich.
Die große Frage, die sich da stellte, war: „Wer soll das noch toppen und darauffolgen?“. Die Antwort war niemand geringeres als Fury in the Slaughterhouse. Die Rocklegenden aus Hannover standen sowieso auf meiner Liste von Bands, die ich mal sehen will, also kam mir das sehr gelegen. Songs wie „Time to Wonder“, „Won’t forget these days“ und „Every Generation Got Ist Own Disease“ sind legendär und gehören in jede gute „Best of Rock“-Playlist.
Wie das mit sehr lange aktiven Rockbands aber manchmal so ist, passierte nicht viel auf der Bühne, es wurde fast nur gespielt, wenig geredet und wenig gelaufen. Ein Highlight, auch für die Veranstalter war, dass Horst Lohmeyer einen Song mit Fury in the Slaughterhouse auf der Gitarre mitspielte.
Leider mussten wir Bekanntschaft mit einem betrunkenen oder breiten Typen machen, welcher fortwährend die Leute um sich herum schubste und dies auch noch lustig fand. Anstatt ihn in den Griff zu bekommen, fanden seine Freunde das Verhalten auch noch lustig. Hier hätte ich mehr Intervention durch die Securitys gewünscht.
Jetzt kann ich Fury in the Slaughterhouse abhaken und muss auch nicht nochmal 70 € für eine Karte ausgeben. Nach diesem Auftritt hatte sich der Eintrittspreis schon mehr als gelohnt und wir waren der festen Überzeugung, dass da nichts mehr kommen könnte. Jedoch lagen wir falsch. Die letzte Band des Abends wurde angesagt und es wurde noch lauter als bei Juli gekreischt denn Madsen war da.
Die Band war gerade an diesem Freitag mit ihrem aktuellen Album „Hollywood“ auf Platz 1 der deutschen Albumcharts gelandet und hatte Gott sei Dank die Rechtsrocker von Weimar damit verdrängt. Selbstredend war Madsen richtig nice. Ich hatte wenige Tage vorher Karten für ihre Tour gekauft, mehr auf gut Glück, weil ich viel Gutes gehört habe und ein paar Songs wie „Protest ist cool aber anstrengend“ oder „Sirenen“ kannte und für gut befunden hab.

Jetzt weiß ich, dass ihre Konzerte der Hammer sind. Songs, die jeder kennt wie „Du schreibst Geschichte“ und erst recht „Lass die Musik an“ funktionieren selbstverständlich, aber auch die anderen Songs haben super funktioniert, denn diese Band kann live. Ich freue mich also jetzt so richtig auf das Konzert. Zur Verbeugung kamen noch Bosse und Sebastian Krumbiegel auf der Bühne dazu.
Als Abschluss gab es noch eine Lesung von Tobias Ginsburg auf der kleinen Bühne, diese schauten wir uns nicht mehr an, da wir müde waren.
Der Garten der Lohmeyers
In den Umbaupausen auf der großen Bühne spielten auf der kleinen Nebenbühne verschiedene kleine Coverbands. Dort konnte man gut zusehen, viele blieben aber auch vor der Bühne sitzen. Alternativ konnte man die Zeit nutzen, um die diversen Informations- und Essensstände zu besuchen. Durch die Lage des Geländes im Garten der Lohmeyers ist es sehr verwinkelt, überall stehen Obstbäume, dazwischen sind Informationsstände von diversen NGOs in schönen Holzbuden untergebracht.

Das kulinarische Angebot war ausgesprochen gut, es gab Piroggen, Falafel, Pommes, indische Küche und mehr. All das handgemacht und zu akzeptablen Preisen. Natürlich gab es dazu auch Stände mit Bier und Softdrinks.
Samstag: Eher unbekanntere Acts
Den Einstieg am Samstag machten die Larrikins, eine Rockband aus Mecklenburg-Vorpommern, gar nicht weit weg von Jamel. Die waren gut, wir guckten uns das im Sitzen an und waren zufrieden damit als Einstieg. Es folgte Berlin 2.0, die waren so gar nicht unser Fall und wir gingen zum Campingplatz, um ein Bier zu trinken.

Pünktlich zum nächsten Vorhang schafften wir es nicht ganz zum Gelände, allerdings hörten wir schon, dass es sich um eine Rapperin namens Finna handelte, und daher hatten wir es nicht übermäßig eilig. Im Nachhinein war das etwas ignorant von uns, wir hätten zumindest einmal reinschauen sollen, wie sie uns gefällt.

Wir verpflegten uns in der Zeit, machten einen Promilletest und informierten uns bei verschiedenen Ständen von Organisationen über ihre Aktivitäten. Dann wurde Turbostaat angesagt. Nachdem wir sie beim Highfield nur gehört hatten, hatten wir jetzt noch einmal die Chance sie zu sehen. Sowieso konnte man von überall sehr gut sehen, denn die Bühne war in einer Art Kessel aufgebaut. Turbostaat kann schon gut abgehen mit „Rattenlinie Nord“, ist aber nicht die Musik, die unbedingt charttauglich ist.
Es folgte Blumfeld, eine Indie Rockband, die bereits seit 1990 mit Unterbrechung existiert und auch durchaus Erfolge hatte. Mir persönlich war diese Band bis zu diesem Abend nicht bekannt und konnte mich auch nicht in ihren Bann ziehen. Wer allerdings umso mehr Freude machte, war das Niwo, welche auf der Nebenbühne spielten. Bei Bochum Total 2023 verpasst, gab es eine unverhoffte neue Chance sie zu sehen und das lohnte sich.
Sie hatten einen Stapel Poolnudeln mitgebracht und im Publikum verteilt, diese wurden hochgehalten und gewedelt und gaben direkt ein schönes Bild ab. Das Niwo wartete vor allem mit Coverversionen auf, so wurden „Filmriss“ von Knochenfabrik, „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ von Danger Dan und „Herz an Herz“ von Blümchen als Skaversionen gespielt. Mit ihrer Darbietung zog das Niwo so viele Menschen an, dass es richtig kuschelig vor der Bühne wurde. Auf der Bühne war es bereits kuschelig, denn das Niwo ist eine zu mitgliederstarke Band für eine so kleine Bühne.


Sie hinterließen Eindruck, so fragte uns nach dem Konzert eine Dame, die den Auftritt nicht gesehen hatte: „Wer war diese Band? Das muss ja richtig gut gewesen sein, alle reden darüber!“. Danach wurde es richtig laut, denn Jan Böhmermann kündigte niemand geringeres als Danger Dan an, der eine seiner letzten Soloshows spielte. Danger Dan solo heißt Klaviermusik. Ungewöhnlich auf einem Rockfestival, jedoch hatte es vor ein paar Jahren schon einmal funktioniert, warum also nicht nochmal.
Mal mit Humor wie bei „Ingloria Victoria“, mal sehr politisch und provokant, wie bei seinem größten Hit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, welchen wir also zum zweiten Mal an dem Abend zu hören bekamen, und mal nachdenklich wie bei „Lauf davon“, welcher der erste Song des Auftritts war. Dazwischen weiß Danger Dan aus vielen Jahren Erfahrung mit der Antilopen Gang, wie er sein Publikum gut unterhält.
In der Mitte des Konzertes spielte das Streichquartett, welches die zweite Hälfte des Konzertes begleitete, das Stück „Mein Vater wird gesucht“ von Hans Drach als Instrumentalversion. Ein sehr ruhiger und berührender Moment des Festivals. Später spielten sie noch zusammen ein Cover des Slime-Songs „Deutschland muss sterben“. Nach Danger Dan folgte noch eine Band, die einzige bei der sicher war, dass sie hinter dem Vorhang wartete.

Tequila & the Sunrise Gang, eine vor allem unter „Kennern“ bekannte Skapunkband aus Kiel feierte ihr zehnjähriges Jubiläum bei Jamel rockt den Förster. Keine andere Band hat auch nur ansatzweise so oft dort gespielt. Die Band ist quasi die Hausband des Festivals und kommt unter anderem jedes Jahr auch mit einem Fanbus dort an. Die meisten werden sie nicht kennen, doch in Jamel kennt man sie.

Als so kleine Band nach Acts wie Danger Dan, Bosse oder Fury in the Slaughterhouse das Publikum noch auf seine Seite zu ziehen ist nicht leicht. Tequila & the Sunrise Gang hingegen wurde als der Headliner begrüßt, auf den alle gewartet haben. Diese Show war noch größer, noch lauter und noch besser als die von Madsen am Tag vorher. Einziger Nachteil: Ich kann mir kaum vorstellen mir die Band woanders als in Jamel nochmal anzuschauen, denn es fällt mir schwer zu glauben, dass diese Stimmung getoppt werden kann.
Zum Ausklang gab es auf der kleinen Bühne noch den Liedermacher Friedemann zu sehen.
Abreise und Fazit
In der Nacht auf Sonntag regnete es ein bisschen. Am Sonntagmorgen, pünktlich zur Abreise schüttete es aus Eimer. So wurden die Zelte nass abgebaut und zuhause wieder aufgebaut. Außerdem hatten viele Autos mit der nassen Wiese am Hang zu kämpfen, es gab allerdings eine flachere Ausfahrt etwas weiter entfernt.

Das Festival hat sich mehr als gelohnt, auch wenn man nicht jeden Künstler gut finden. Es ist sehr spannend pünktlich da zu sein und zu sehen, wer hinter dem Vorhang wartet. Mein Highlight war definitiv Juli, da ich sie dort nicht erwartet hätte, aber auch Madsen, Danger Dan, Tequila & the Sunrise Gang und viele andere waren richtig gut. Als kleine Kritik am Rande sei angemerkt, dass die Dixis direkt am Gelände am Samstagabend einen Füllstand jenseits von Gut & Böse erreicht hatten. Hier wären eine zusätzliche Leerung oder mehr Toiletten angebracht gewesen.

Vom Gelände her ist es sogar noch schöner als das Rock am Berg Merkers (hier mein Bericht zur 2023er Ausgabe). Dass die Lohmeyers immer noch in diesem Ort wohnen, ist einfach krass und zeugt von allerhärtester Überzeugung von der Sache. Der Termin für das nächste Jahr ist bereits freigehalten, hier komme ich gerne wieder hin, für die Musik, aber in erster Linie für die Solidarität.
Zum Abschluss gibt es hier wie immer meine Spotify-Playlist zum Festival.
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